SONGWRITING TEIL 1: LOCKE

"Für das Gerüst von 'Locke' sind Jacek Brzozowski und ich verantwortlich. Locke war ein Obdachloser Ende 40 und ich weiß nicht, warum er so hieß, denn sein Haar war nicht gelockt, sondern geglättet von Fett und Schweiß, aber er wurde eben so genannt und der Name hätte bestimmt auch auf seinem Personalausweis gestanden, wenn Locke einen Personalausweis gehabt hätte. Das letzte Mal sah ich ihn vor zwei Jahren am Haupteingang des Bahnhofs sitzen, wo er sich unter größter Konzentration mit einer Dose Autolack die Haare weiß färbte. Er trank am liebsten im Poco Loco, einer kleinen Absteige zwischen einem illegalen Puff und der städtischen Fixerstube, und ich trank auch gerne im Poco Loco und was er dort machte, war, ja – er druckbetankte seinen Körper mit Schnaps und die versammelten Gäste gaben ihm dafür als Ausdruck ihrer Anerkennung das Geld, das sie übrig hatten. Kupfergeld, meistens, Scheine nur um Weihnachten herum, was allerdings nicht an der Knauserigkeit der anderen Trinker lag, sondern schlicht daran, dass Scheine in der freien Wildbahn des Poco Loco genauso eine Seltenheit darstellten wie weibliche Gäste. Das Poco Loco gibt es heute nicht mehr und ich habe mit Locke nie ein Wort gesprochen, aber er hatte wirklich Augen wie Jesus, stechend blau, meistens in Gesellschaft eines verkrusteten Veilchens und einer zersplitterten Nase.

Jacek hatte auf seiner Westerngitarre schon einen groben Entwurf für eine neue Nummer, wir saßen auf seinem Sofa, unterhielten uns über Stanislaw Lem und tranken dabei einen Barolo Ginestra von 2010. Normalerweise trinke ich nie, wenn ich schreibe, ich muss ganz im Gegenteil so nüchtern sein wie möglich. Ich halte mich beispielsweise für keinen sonderlich begabten Autofahrer, aber ich denke, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich auch noch stockbesoffen einen Toyota von Köln nach Straßburg und zurück fahren könnte, ohne einen Kratzer zu verursachen, aber vermutlich nach einem kleinen Bier keine einzige gerade Zeile mehr zustande bringen würde.

Ausnahmsweise trank ich jetzt aber und erst lief das Stück Gefahr, zu einem verflucht - ich – wurde – wieder – mal – verlassen – und – sollte – jetzt - mal – das - Wohnzimmer – aufräumen – Song zu werden, aber irgendwann kam ich auf die Geschichte von Locke zu sprechen und wir rollten die Nummer vom Refrain aus auf. Das ist meine liebste Art zu schreiben: Sich frei, ungefiltert und präzise auszutauschen und fast als Nebenprodukt dabei einen Song entstehen zu lassen. Schreiben bedeutet häufig, dieses Gespräch mit sich selbst zu führen.

Live spielen wir den Song eigentlich nie, er wird bei Konzerten nicht verlangt, ich werde nie auf ihn angesprochen und er hat darüber hinaus auch keine besondere Resonanz erhalten. Aber trotzdem ist es eine Nummer, die ich immer noch gerne höre, und dann stelle ich mir vor, wie Locke nach dem letzten Likör die Tür aufreißt und mit wehendem Mantel und fuchtelnden Armen wie ein verrosteter Maikäfer in die schneebedeckte Nacht prescht. Den Kopf hoch, die Brust raus, immer dem Mond entgegen."

SONGWRITING TEIL 2: EROTIK ROCK

 

"Erotik Rock war ein verdammt promiskuitiver Song, bis er in Friedrichsfelde OST seinen letzten polyamourösen Abend mit 5 Musikern verbrachte und sich für immer im Parterre auf Nahsexerfahrung einmietete.

Bei One Night Stands ist das ja so eine Sache, man sucht Sex ohne Verantwortung, Spaß ohne Folgen, und es gab bis zu unserer Aufnahme eine Menge Musiker, die mit Erotik Rock ins Bett gegangen waren. Das Problem war nur: Jeder dieser Musiker wollte Erotik Rock ändern. Alle wollten, dass Erotik Rock am nächsten Morgen ein bisschen anders war als vorher, ein bisschen mehr von ihnen selber haben würden, und das ging so lange, bis Erotik Rock selber gar nicht mehr wusste, wer er war. Sogar mit dem Text war es das Gleiche. Es gibt wahrscheinlich rund 80 Zeilen, die alle mal zu diesem Song gehörten und im Laufe der Zeit ausgetauscht und neugeschrieben wurden. Eigentlich widerspricht das total der Idee, dass man einen ehrlichen Song schreibt, einen Song, der eine Geschichte ist, und man weiß irgendwie, zumindest grob, worum es gehen, was das Motiv sein KÖNNTE, Erotik Rock hingegen schrieb ich immer wieder um, was wahrscheinlich auch damit zu tun hatte, dass ich mit 24 noch ein sehr anderes Verhältnis zu chemischen Substanzen pflegte als vier Jahre später im Studio.

Aber dennoch habe ich an dieser Nummer immer sehr gehangen. Ich mochte die Idee, dass das Album auf eine Art beginnt, mit der man sonst ein Konzert eröffnen würde. Die Gitarre startet aus der Stille mit einem starken Delay, sehr simpel, beinahe monoton, aber penetrant, unnachgiebig, bis sich langsam der Bass ankündigt, fast vergleichbar mit dem Es Dur aus Wagners Rheingold, und irgendwann legen die ersten Toms los, die sich steigern bis die Snare sie ablöst und alles miteinander kulminiert – dass der Song keinen wirklichen Refrain hat: Geschenkt. Über zwei Jahre haben wir alle unsere Konzerte mit dieser Nummer eröffnet. Diese vollkommen banalen 3 Minuten und 22 Sekunden werde ich nie vergessen."

SONGWRITING TEIL 3: WARTE AUF MICH

"Wer kann gelassen bleiben, wenn er von sich selber behaupten muss, nach Jahren noch Songs über Liebe zu schreiben? Das Liebeslied gilt als überholt, antiquiert und heutzutage vielleicht sogar zurecht als unverantwortlich und dennoch befinden sich auf Nahsexerfahrung zwei Liebeslieder und eines davon ist vielleicht das Liebeslied in seiner pursten Form, denn die besungene Liebe, das ist fast immer die romantische Liebe und die Liebe des Romantikers ist natürlich die unerfüllte Liebe, Liebe, die nie langweilig wird, immun gegen Mundgeruch am Morgen jedem Alltag Widerstand leistet, beweglich und spannend bleibt und dabei im Vorbeigehen verlässlich Stoff für furchtbar schöne und furchtbar beschissene Texte liefert. Nun hielt ich 'Warte auf mich' damals natürlich für einen ganz fabelhaften Text und wir hielten die Nummer für einen ebenso fabelhaften Song.

Der Text spielt ein wenig mit der Idee der Liebe nach Platon, damit ist natürlich nicht die platonische Liebe gemeint, sondern die Idee, dass ein Mensch zum Beginn seines Lebens in zwei Teile gerissen wird und seine Zeit auf der Erde daraufhin damit verbringt, die verlorene Hälfte wiederzufinden. Und wenn wir diese zweite Hälfte irgendwann finden sollen, läuft jetzt natürlich schon die Zeit zu eben diesem Moment herunter und das ergibt unzählige Möglichkeiten, sich auszumalen, wie diese zweite Hälfte aussehen wird und genau davon handelt 'Warte auf mich'.

Der Text entstand während einer Affäre mit einer italienischen Balletttänzerin aus Osnabrück, sie machte sehr guten Espresso, es war kalt in Niedersachsen und ich stand regelmäßig Morgens auf ihrem Balkon, dessen Ausblick auf grauen Beton und abgenagte Bäume fiel, überall hingen nasse Tageszeitungen in den Ästen und auf dem zerrupftem Rasen traten Junkies ihre Zigaretten aus, aber irgendwie hatte der Balkon es mir angetan, dieser Balkon war doch ein Versprechen auf mehr und nach dem Frühstück stand ich immer draußen und trank meinen überzuckerten Cappuccino, während sie das Frühstück im Badezimmer auskotzte und eine heiße Dusche nahm. Ich arbeitete damals nicht wirklich, also hatte ich Zeit, mich häufig ans Klavier zu setzen und zu schreiben. Ich wusste: Diese Affäre fühlt sich ganz gut an. Aber dass es meine sogenannte zweite Hälfte war, die sich gerade nebenan über die Kloschüssel beugte, bezweifelte ich. Wobei das nicht ganz akkurat ist: Sie brach meistens in die Dusche.

Jedenfalls trug ich den Text eine ganze Weile mit mir herum, die Strophen waren geschrieben, ein Refrain existierte nur halb und irgendwann ging ich mit dem Text und der Band in den Proberaum und wir entwickelten die Nummer von Grund auf, zu einem Punkt, an dem ich die Akkorde wahrscheinlich schon über ein Jahr verloren hatte, weil ich sie auf einer Serviette des Bordrestaurants aus dem ICE von Würzburg nach Hannover notiert hatte. So entstand 'Warte auf mich' Stück für Stück und wir waren damals überzeugt, dass dieser Song irgendwann mal unsere Single werden würde. Er wurde es nicht. Es gab nur mal eine 55 Jährige Barkeeperin, die ihn sich immer wieder wünschte, wenn wir in der Kneipe spielten, und wenn wir es taten, warf sie ihre lackierten Haare in den Nacken und fing an zu tanzen. Einmal sprach ich mit ihr über Liebeskummer, es ging um eine Liebe, die nicht erwidert wurde und ich verstand nicht wieso. „Sag ihr genau, was Du mir gerade erzählt hast“, empfahl sie mir - „Sag ihr, Du bist geflogen“.

Ich kam nie dazu. Die Nummer wurde trotzdem aufgenommen. "